Neuer Cochrane Rapid Review zur Wirksamkeit von Quarantäne bei COVID-19

Cochrane Deutschland Stiftung

Heute veröffentlicht Cochrane einen von der Weltgesund heitsorganisation (WHO) in Auftrag gegebenen Rapid Review zur Frage, ob Quarantänemaßnahmen – alleine oder in Kombination mit anderen Public-Health-Maßnahmen – bei der Eindämmung des neuen Coronavirus helfen. Da es noch keine empirischen Studien im Kontext von COVID-19 gibt, beruht die im Schnellverfahren durchgeführte systematische Übersichtsarbeit zu weiten Teilen auf mathematischen Modellierungen, beziehungsweise auf Arbeiten zu verwandten Krankheiten wie SARS oder MERS. Trotz dieser Limitation weist die Konsistenz der 29 im Review zusammengefassten wissenschaftlichen Arbeiten auf eine wichtige Rolle von Quarantäne hin.

Derzeit gibt es keine wirksamen Medikamente oder Impfstoffe zur Behandlung oder Prävention von COVID-19. Aus diesem Grund wurden in einer Reihe von Ländern restriktive Maßnahmen wie Isolierung, räumliche Distanz und Quarantäne ergriffen, um die Übertragung des Virus zu reduzieren. Unter Isolierung versteht man die Abtrennung von Personen mit Symptomen von ihren Mitmenschen. Der Begriff Quarantäne dagegen steht für die Absonderung von Menschen ohne Symptome, die aber mit Menschen mit einer bestätigten oder vermuteten Infektion in Kontakt gekommen sind. Quarantäne kann auf freiwilliger Basis durchgeführt oder von den Behörden angeordnet werden und kann auf individueller, Gruppen- oder Gemeinschaftsebene gelten.
Der aktuelle Rapid Review suchte nach Evidenz für die Wirksamkeit solcher Quarantäne-Maßnahmen für eine Kontrolle des Ausbruchs. Dafür sichteten die Cochrane-Autoren von der Donau-Universität Krems in Niederösterreich mehr als 2000 Studien, von denen schließlich 29 als relevant eingestuft und für den Review ausgewertet wurden. Zehn davon befassten sich direkt mit COVID-19, die anderen Studien lieferten indirekte Evidenz zu SARS und MERS – Krankheiten die von nahe verwandten Coronaviren ausgelöst werden.
Quarantäne als notwendige Maßnahme
Die Ergebnisse der Studien deuten konsistent darauf hin, dass Quarantäne eine wichtige Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus-Ausbruchs ist – die Anzahl an Neuinfektionen und Todesfällen kann demnach merklich reduziert werden. Die Evidenz legt nahe, dass Quarantäne effektiver war, je früher sie startete und dass sie mit anderen Maßnahmen wie räumlicher Distanzierung oder Schulschließungen kombiniert werden sollte. Bei der individuellen Quarantäne für Rückkehrende aus Risikogebieten fand der Review vergleichsweise geringe Effekte.
Relevanz der Ausgangsdaten
Die Schussfolgerungen aus der im Review versammelten Evidenz sind allerdings keinesfalls unumstößlich: Alle zehn Studien, die sich direkt auf COVID-19 beziehen, sind mathematische Modellierungen des Pandemieverlaufs. Solche Modelle basieren auf Annahmen beispielsweise zu Übertragungsraten, Inkubationszeiten oder Krankheitsverläufen. Und diese Annahmen beruhen wiederum auf dem aktuellen Wissensstand über SARS-CoV-2, beziehungsweise COVID-19, der aber noch lückenhaft ist und sich momentan laufend erweitert. Aus diesem Grund sind die Annahmen, ebenso wie die Ergebnisse von darauf beruhenden Modellen, mit einem hohen Maß von Unsicherheit verbunden.
Konsistente Daten und weitere Beobachtung
„Da es noch keine Beobachtungsstudien zu Quarantäne bei COVID-19 gab, mussten wir auf mathematische Modellierungen und indirekte Evidenz von SARS- und MERS-Ausbrüchen zurückgreifen“, erklärt die Erstautorin Dr. Barbara Nußbaumer-Streit. „Trotz dieser Unsicherheit sind die Ergebnisse aller Studien in unserem Review konsistent und weisen auf einen günstigen Effekt von Quarantäne-Maßnahmen hin. Jetzt ist es entscheidend, die Krankheitsdynamik von COVID-19 so schnell wie möglich genauer zu erforschen, um Modellrechnungen zu aktualisieren und die Auswirkungen von Maßnahmen besser abschätzen zu können. Langfristig braucht es gut durchgeführte Beobachtungsstudien, die die Wirksamkeit von Quarantäne und anderen Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 bewerten. Ein Vergleich der Wirksamkeit dieser Strategien wird uns helfen, mit besserer Evidenz auf künftige Pandemien vorbereitet zu sein“, so Nußbaumer-Streit.

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