Unsere Vorfahren waren gesünder als erwartet

Eberhard Karls Universität Tübingen

Bioarchäologische Studie liefert erstmals Gesamtdarstellung zur Gesundheit der Europäer über einen Zeitraum von 2000 Jahren

Obwohl das frühe Mittelalter (zwischen 500 und 1000 n.Chr.) oft als „dunkles Zeitalter“ beschrieben wird, waren die Menschen damals gesünder als in den folgenden Zeiten – sogar bis in das industrialisierte 19. Jahrhundert hinein. Nicht nur die historischen Vorbilder der Sagenkönige Artus und Siegfried erfreuten sich guter Gesundheit, sondern auch die Mittel- und Unterschichten dieser frühen Zeit. Zu diesem Schluss kommt ein Team aus Wirtschaftswissenschaftlern, Archäologen und Anthropologen, die erstmals in einer bioarchäologischen Überblicksstudie Daten zur menschlichen Gesundheit in Europa aus 2000 Jahren zusammengestellt haben. Die Ergebnisse wurden in der Publikation „The Backbone of Europe – Health, Diet, Work and Violence over Two Millennia“ veröffentlicht.

Wirtschaftshistoriker Professor Jörg Baten von der Universität Tübingen wertete dafür zusammen mit Richard H. Steckel und Clark Spencer Larsen von der Ohio State University sowie Charlotte A. Roberts von der University of Durham und zahlreichen Kolleginnen und Kollegen eine große Datenbasis aus einem breiten Länderquerschnitt des europäischen Kontinents aus. Die Studie stellt zudem verschiedene Dimensionen der Gesundheit und anderer Komponenten des Lebensstandards nebeneinander, die bisher so nicht betrachtet wurden. Damit förderte diese für Europa einzigartige Studie erstaunliche Erkenntnisse zutage und lässt erstmals einen Vergleich mit den amerikanischen Kontinenten zu, wo solche Studien bereits ausgeführt wurden.

Um zu einem ganzheitlichen Verständnis der Geschichte und Entwicklung menschlicher Gesundheit, Gewalt und Arbeitsbelastung zu kommen, nahmen Baten und ein Team aus 75 Bioarchäologinnen und
–archäologen ein Jahrzehnt lang Untersuchungen an mehr als 15.000 menschlichen Skeletten vor. Diese stammten aus mehr als 100 Regionen Europas und wurden zwischen dem 3. Jahrhundert n. Chr. und Mitte des 19. Jahrhunderts beigesetzt. Die Grundfrage dabei war: Welchen Einfluss hatten klimatische, geographische, aber auch sozioökonomische Entwicklungen auf die menschliche Gesundheit?

Die Wissenschaftler betrachteten die Gesundheit der Zähne, die Körpergröße sowie verschiedene andere Messgrößen zur Ernährungsqualität und Arbeitsbelastung. Sie zählten sogar die gewaltsam eingeschlagenen Schädel und stellten sie denen friedlicher verstorbenen Europäern gegenüber. Dabei fanden sie z.B. heraus, dass die Justinianische Pest in der Spätantike (6. Jahrhundert) indirekt einen positiven Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung hatte: Die Generationen, die direkt nach der Pest geboren wurden, hatten eine deutlich größere Auswahl an Ressourcen, was zu besseren Lebensbedingungen des Einzelnen führte. Erstaunlicherweise nahm die Gesamtgesundheit anschließend, also seit dem Frühmittelalter bis zur Phase der Industrialisierung, konstant ab. Baten und seine Team führen dies auf eine wachsende Bevölkerungsdichte, steigende soziale Ungleich-heit, sowie die kleine Eiszeit in Spätmittelalter und früher Neuzeit (16.-19. Jahrhundert) zurück.

Die staatliche Aktivität in Europa seit dem 15. Jahrhundert wirke diesem Trend jedoch entgegen, so die Wissenschaftler. Die dadurch entstandene Sicherheit habe für weniger Gewalt innerhalb der Gesellschaften gesorgt. Einen ähnlichen Zusammenhang von Organisationsgrad und niedrigerer Gewaltbereitschaft stellte Richard H. Steckel bereits früher für die mexikanischen Hochkulturen im Vergleich zu den kriegerischen Ureinwohnern Nordamerikas fest.

Das Team leistet mit „The Backbone of Europe“ einen Beitrag zum Verständnis dafür, welchen Ein-fluss ökonomische, klimatische und gesellschaftliche Veränderungen auf die menschliche Gesund-heit haben und damit die Grundlage, aus unserer Geschichte zu lernen.

Professor Jörg Baten leitet zusammen mit Professor Jörn Staecker und Professor Joachim Wahl den Projektbereich B06 „Mensch und Ressourcen in der Wikingerzeit. Anthropologische und bioar-chäologische Analysen zur Nutzung von Nahrungsressourcen und Detektion von Mobilität“ des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen an der Universität Tübingen.

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