Quereinsteiger besonders häufig an Brennpunktschulen

Bertelsmann Stiftung

Der Lehrermangel spitzt sich zu. In der Folge wird der Quereinstieg in den Lehrerberuf von der Ausnahme zur Regel. Quereinsteiger werden besonders häufig an Brennpunktschulen eingesetzt, wie erstmals eine Studie für das Bundesland Berlin aufzeigt. Politische Steuerung und attraktive Ausstattung der Brennpunktschulen sollten verhindern, dass benachteiligte Jugendliche besonders unter dem Lehrermangel leiden.

Gütersloh, 13. September 2018. Die Zahl der Quer- und Seiteneinsteiger an Berliner Grundschulen steigt stark. Zu Beginn des aktuellen Schuljahres 2018/2019 verfügte nur ein Achtel aller neu eingestellten Personen über einen Abschluss im Lehramt für die Grundschule. Damit spitzt sich eine Entwicklung weiter zu, die sich bereits in den beiden vorausgehenden Schuljahren abgezeichnet hatte. Waren im Schuljahr 2016/2017 noch 4,3 Prozent (insgesamt 506) aller Lehrkräfte an Grundschulen Quereinsteiger, so waren es im Jahr darauf bereits 6,5 Prozent (insgesamt 781). Dies entspricht einer Zunahme von gut 50 Prozent in einem Jahr. In Zeiten des Lehrermangels wird damit aus einer Ausnahme zunehmend der Normalfall: Arbeiteten 2016 in fast jedem dritten Grundschulkollegium nur vollausgebildete Lehrkräfte, galt dies ein Jahr später nur noch für gut 16 Prozent aller Grundschulen.

Quereinsteiger verteilen sich ungleich auf Grundschulen. Wie viele Quereinsteiger an einer Schule sind, hängt signifikant davon ab, wie viele Kinder aus armen Haushalten diese Grundschule besuchen. Gemessen wird dies am Anteil der Kinder mit Lernmittelbefreiung. An Brennpunktschulen unterrichten doppelt so viele Quereinsteiger wie an Schulen mit vielen Kindern aus finanziell besser gestellten Familien. Schulen mit einem niedrigen Anteil von Kindern mit Lernmittelbefreiung hatten im Schuljahr 2016/2017 so im Schnitt nur 3,1 Prozent Quereinsteiger, Schulen mit vielen Kindern aus ärmeren Haushalten hingegen 6,7 Prozent.

Mit der steigenden Zahl an Quereinsteigern im Schuljahr 2017/2018 bleibt die Kluft zwischen armen und reichen Schulen erhalten: Machten an Schulen mit besser gestellten Kindern Quereinsteiger fünf Prozent der Kollegien aus, lag ihr Anteil an Schulen mit finanziell schlechter gestellten Kindern sogar bei knapp zehn Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bildungsforscher Dirk Richter, Alexandra Marx und Dirk Zorn für die Bertelsmann Stiftung.

Dräger: Quereinsteiger dürfen in Zeiten des Lehrermangels nicht verbrannt werden

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, blickt besorgt auf die Entwicklungen: „Wir haben einen akuten Lehrermangel in ganz Deutschland. Quereinsteiger sind wichtig, um die Unterrichtsversorgung sicherzustellen. Sie haben das Potenzial, gute Lehrer zu sein – wenn sie genug Unterstützung erfahren, um sich didaktisch und methodisch weiterzubilden. Wir dürfen jetzt weder die Quereinsteiger noch die Schulen überfordern.“

Dass ausgerechnet Brennpunktschulen besonders viele Quereinsteiger beschäftigen, verschärft die dort ohnehin anspruchsvolle Situation zusätzlich. „Je mehr Quereinsteiger an eine Schule kommen, desto größer ist der Aufwand für die erfahrenen Kollegen, diese ans Unterrichten heranzuführen“, so Dräger. Zumal der Berufseinstieg an Schulen in schwieriger Lage für Quereinsteiger ohnehin herausfordernder sei als an Schulen mit privilegierter Schülerschaft.

Brennpunktschulen brauchen angemessene Ausstattung und Unterstützung

Die Studie macht auch Lösungsvorschläge für die schwierige Situation. Demnach müssen vor allem Brennpunktschulen für regulär ausgebildete Lehrkräfte attraktiver werden, etwa durch bessere materielle und personelle Ausstattung, die am höheren Bedarf orientiert ist. „Bislang“, so Dräger, „können sich erfolgreiche Lehramtsabsolventen ihren Einsatzort quasi aussuchen und wählen deshalb häufig Schulen, die gute Bedingungen versprechen. An eine Brennpunktschule zu gehen, sollte mit attraktiven Entwicklungsmöglichkeiten honoriert werden.“ Die Studie stellt zudem heraus, dass sowohl für die neu startenden Quereinsteiger wie auch für die Schulen selbst effiziente Unterstützungssysteme gebraucht werden. Dräger begrüßt deshalb, dass die Berliner Bildungsverwaltung im Rahmen ihres Unterstützungskonzepts für Quereinsteiger „QuerBer“ gezielt Ruheständler als Mentoren an Bord holt. Darüber hinaus sollte der Senat zentrale Steuerungsmöglichkeiten ausschöpfen, etwa durch eine Begrenzung des Quereinsteigeranteils an Schulen, um die ungleiche Verteilung der Lehrkräfte auf Berliner Schulen nicht weiter laufen zu lassen.

Abschließend macht Dräger deutlich, dass die Krise bei der Lehrerversorgung nicht auf Berlin begrenzt sei. „Der Berliner Senat legt vorbildlich dar, wie Quereinsteiger auf die Grundschulen verteilt sind. Das ermöglicht eine wichtige und bislang noch nicht geführte bildungspolitische Debatte“. Mit Blick darauf, dass sich der Lehrermangel an Grundschulen in den kommenden Jahren noch weiter zuspitzen wird, erhofft sich Dräger, dass auch andere Bundesländer Einblick in „die soziale Verteilung des Lehrermangels“ gewähren und die Daten zum aktiven Gegensteuern nutzen.

Zusatzinformationen

Für die Studie „Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt?“ haben Dirk Richter, Alexandra Marx und Dirk Zorn untersucht, inwieweit die Verteilung von Quereinsteigern (Studienabsolventen, die ein relevantes Unterrichtsfach studiert haben, aber nicht über pädagogische Expertise verfügen) mit der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft der jeweiligen Schulen zusammenhängt. Die Analyse basiert auf amtlichen Daten aller öffentlichen Grundschulen in Berlin der Schuljahre 2016/2017 und 2017/2018. Die Daten für das Schuljahr 2016/2017 wurden auf Anfrage von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zur Verfügung gestellt. Sie enthalten auch Informationen zu den Sozialmerkmalen der Schulen. Diesen Datensatz haben die Autoren um öffentlich verfügbare Daten aus dem Berliner Schulverzeichnis sowie um Daten zum Quereinsteigeranteil an den Lehrerkollegien im Schuljahr 2017/2018 ergänzt, die einer Antwort der Berliner Senatsverwaltung auf eine schriftliche Anfrage des Mitglieds im Abgeordnetenhaus von Berlin, Joschka Langenbrinck (SPD), entstammen (Drucksache 18 / 13 559 vom 8.3.2018). Die in der Studie enthaltenen Empfehlungen wurden vor der Veröffentlichung im Rahmen von Expertengesprächen entwickelt und plausibilisiert.

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