Langzeitarbeitslose: psychische Erkrankungen größtes Vermittlungshemmnis

Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Leipzig, 11. April 2018 – Im Koalitionsvertrag zwischen SPD und CDU, CSU wird das Ziel formuliert, „dass Menschen, die schon sehr lange arbeitslos sind, wieder eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt eröffnet“ werden soll. Unzureichend behandelte psychische Erkrankungen sind dabei die größte Barriere, um Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen – dies wurde bisher vernachlässigt. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe weist deshalb die neue Regierung auf das erfolgreiche Psychosoziale Coaching hin. Sie setzt sich dafür ein, dieses Interventionskonzept in Jobcentern bundesweit zu etablieren.

„Das Vermittlungshemmnis psychische Erkrankung wurde bisher kaum systematisch angegangen. Gründe dafür sind Unsicherheiten bei dem Thema und die voreilige Annahme, dass die psychischen Erkrankungen Folge der langen Arbeitslosigkeit sind. Sehr häufig besteht jedoch ein umgekehrter Zusammenhang: Depression und andere psychische Erkrankungen führen zu Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück ins Berufsleben. „Mit dem Psychosozialen Coaching sorgen wir dafür, dass psychisch Erkrankte häufiger eine konsequente Behandlung erhalten und beseitigen so dieses große Vermittlungshemmnis“, sagt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Im Rahmen des Psychosozialen Coachings wird bei Langzeitarbeitslosen das Vorliegen einer unbehandelten psychischen Erkrankung geprüft. Psychologen beraten und unterstützen Betroffene dann im Sinne einer Lotsenfunktion bei der Aufnahme einer regulären Behandlung. Dieses seit 2006 in verschiedenen Städten erprobte Psychosoziale Coaching hat sich in einer Studie der Universität Leipzig als wirkungsvolles Konzept erwiesen, das zahlreichen betroffenen Langzeitarbeitslosen nachweislich einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben ermöglicht.

Studie: Zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen psychisch erkrankt – 94% davon ohne richtige Behandlung

In Leipzig kommt das Psychosoziale Coaching bereits seit 2011 erfolgreich zum Einsatz. In einer begleitenden Studie der Universität Leipzig mit den ersten 1.000 Teilnehmern wiesen 66% mindestens eine psychische Erkrankung auf. Viele Betroffene wussten bis dahin nicht, dass eine Erkrankung vorliegt und waren deshalb auch nicht in Behandlung. Zum Untersuchungszeitpunkt erhielten daher lediglich 6% eine optimale, d.h. leitlinienkonforme Behandlung. 30,8% der Teilnehmer am Psychosozialen Coaching haben, so zeigt die Studie aus 2015, im Anschluss wieder eine Arbeit aufgenommen. „Bei Menschen, die so lange arbeitslos waren, ist dies eine ausgezeichnete Vermittlungsrate“, erklärt Hegerl.

Von OECD und EU hervorgehoben – dennoch fehlt dauerhafte Finanzierung

Das Projekt findet auch international Anerkennung: Im OECD-Bericht „Fit Mind, Fit Job – From Evidence to Practice in Mental Health and Work” und auch im Bericht des EU-Programms „Joint Action on Mental Health and Well-being” wird das Psychosoziale Coaching als Best-Practice-Beispiel genannt. Nach dem Erfolg in Leipzig und München wurde das Psychosoziale Coaching über die Stiftung Deutsche Depressionshilfe seit 2015 u.a. bereits in Hildesheim, Marburg, Dortmund und Berlin etabliert. Jedoch gab es an vielen Standorten nur eine projektbezogene Förderung für einen Zeitraum von zwei Jahren. Es fehlt eine langfristige, bundesweite Finanzierung. „Viele Maßnahmen gegen Langzeitarbeitslosigkeit laufen ins Leere, wenn nicht zunächst psychische Erkrankungen als das wohl größte beseitigbare Vermittlungshemmnis angegangen werden. Wir haben Bundesarbeitsminister Hubertus Heil darauf aufmerksam gemacht und hoffen, dass die neue Bundesregierung die hier liegenden Chancen ergreift“, betont Hegerl.

Wie läuft das Psychosoziale Coaching ab?

Im Rahmen des Psychosozialen Coachings werden zunächst die Vermittlungsfachkräfte von Psychologen und Psychiatern darauf geschult, Hinweise auf psychische Erkrankungen zu erkennen. Betroffenen Kunden wird dann eine freiwillige Teilnahme am Psychosozialen Coaching, das unmittelbar in den Räumlichkeiten des Jobcenters stattfindet, angeboten. Dabei kooperiert das Jobcenter direkt mit einer Versorgungseinrichtung, wie einer Klinik vor Ort, die den eingesetzten Psychologen oder Arzt entsendet. Dieser prüft in einem Erstgespräch, ob eine psychiatrische Erkrankung vorliegt und ob diese adäquat behandelt wird. Der Kunde erhält dann Informationen zu seiner Erkrankung und wird im Sinne einer Lotsenfunktion dabei unterstützt, in die richtige Behandlung zu kommen. Ergänzend können Kurzinterventionen und die Möglichkeit zur Teilnahme an Gruppenprogrammen (Entspannung, Stressbewältigung, Aktiver Alltag, Kontakt und Kommunikation) angeboten werden.

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